
eine Reportage von Christine Butler
Fernsehen, X-Box und Internet kämpfen um die Aufmerksamkeit vieler Kinder. Der Münchner Verein Lesefüchse will Jungen und Mädchen trotzdem für Bücher begeistern. Zu Hause kommt das Vorlesen oft zu kurz. Laut Studien der Stiftung Lesen wird in 42 Prozent der deutschen Haushalte nie oder nur selten vorgelesen. Bei Familien mit Migrationshintergrund fällt die Zahl der vorlesenden Eltern sogar noch geringer aus. Hier will der Verein Lesefüchse eingreifen. Seit 2003 besteht die Organisation in München, die inzwischen mehr als 300 ehrenamtliche Mitarbeiter hat. Sie lesen in Schulen, Kitas und Bibliotheken vor, um bei Kindern wieder Interesse für Bücher zu wecken. Wöchentlich kommen so rund 1.100 Münchner Kinder in den Genuss einer Vorlesestunde.
Wie beim Surfen im Internet oder beim Zappen durch die Fernsehkanäle, suchen viele auch in der Schule alle paar Minuten nach neuen Dingen, die ihre Sinne reizen und nur nicht zu viel Aufmerksamkeit erfordern. Ein altes Märchen wie das „Vom Fischer und seiner Frau“ kann da schwer mithalten. „Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, meine Frau die Ilsebill will nich so, als ich wohl will!“, schallen sechs begeisterte Kinderstimmen durch den Klassenraum. Es ist Mittwochmorgen und in der Münchner Icho-Grundschule ist Peter Schüller vom Verein Lesefüchse zu Besuch. Heute hat er sich vorgenommen, einer Gruppe Erstklässler das Grimmsche Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ vorzulesen. Doch bis die Kinder endlich still sitzen und der Geschichte folgen, sind einige Minuten der Schulstunde vergangen.
Zur Lesegruppe, die Peter Schüller einmal pro Woche an der Münchner Icho-Grundschule trifft, gehören drei Mädchen und drei Jungen. „Mehr Kinder wären für einen Vorleser auch nicht zu schaffen“, erklärt Petra Simon, Leiterin des Vorleseteams der Lesefüchse. Die Grundschulklasse mit 24 Kindern wird deshalb jeden Mittwoch in vier Gruppen aufgeteilt. Zwei Männer und zwei Frauen lesen ihnen vor. Trotzdem hapert es auch in den kleinen Gruppen oft mit der Konzentration. „Wer kann mir sagen, wo wir in der letzten Stunde stehen geblieben sind?“, fragt Peter Schüller die Kinder. Erinnern kann sich erst einmal niemand. Ein Mädchen ruft schließlich: „Da wo die Frau Königin werden wollte!“ – „Ja, genau!“, freut sich Herr Schüller. Nun kann die Geschichte vom Fischer und seiner habgierigen Frau Ilsebill weitergehen. Manchmal kommen auch Kuscheltiere zum Einsatz. Wenn in der Geschichte zum Beispiel ein Tiger brüllt oder eine Maus ihre Wintervorräte hortet, gibt es dazu ein kleines Plüschtier, mit dem die Kinder die Handlung nachspielen können. So macht das Vorlesen mehr Spaß.
Bei zu viel Unruhe im Klassenzimmer hilft manchmal allerdings trotzdem nur ein strenges Machtwort. „Hier ist nicht ein ständiges Aufstehen und Herumgehen. Jetzt hört auch mal ein bisserl zu!“, ruft Peter Schüller mit lauter Stimme, als die Kinder immer noch nicht still sitzen wollen. Dann zeigt er ihnen Bilder in seinem Buch, auf dem Ilsebill als Königin zu sehen ist. „Was seht ihr alles?“, fragt er. Sofort hat er besonders die Aufmerksamkeit der Mädchen gepackt. „Da ist eine Katze“, quietscht eine kleine Schwarzhaarige im pinkfarbenen Sweatshirt begeistert. „Ein Butt!“, schreit eine andere. Und der bisher größte Störenfried in der Gruppe entdeckt auf dem Bild sogar einen Tintenfisch. Wenn Ilsebill in der Geschichte spricht, verwandelt sich Peter Schüllers sonorer Bariton in eine quäkende Frauenstimme. Er legt eine Hand ans Ohr und fragt: „Was ruft der Fischer“? „Manntje, Manntje, Timpe Te!“, tönen die Kinder.
Dann lernen sie, was „Zierrat“ ist, dieses ungewohnte Wort kommt nämlich ebenfalls in der Geschichte vor. Von „Alabaster“ haben die Kinder auch noch nie gehört, geschweige denn vom „Papst“. „Das ist der Chef in Rom“, erklärt Peter Schüller. Das interessiert seine jungen Zuhörer allerdings erst einmal weniger als der Hund im Bilderbuch, der gerade „Kaka“ gemacht hat. „Ihhhhh!“, rufen sie.
Der Verein Lesefüchse bietet für seine Mitarbeiter regelmäßig Seminare zur Fortbildung an. Der Einsatz von lustigen Stimmen und das Gestikulieren mit Händen und Füßen sollen dabei helfen, auch Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten zum Zuhören zu bewegen. Aber in den Lesestunden geht es nicht nur darum, schweigend Geschichten zu konsumieren. Die jungen Zuhörer sollen auch selbst aktiv werden. Wenn der Vorleser zum Beispiel fragt, wie die Geschichte vom Fischer und seiner Frau wohl weiter geht, müssen sie ihre eigene Fantasie anstrengen. Wenn die Kinder sich bei ihren Antworten möglichst auch noch in ganzen Sätzen ausdrücken, sind die Lesefüchse glücklich.
Weit ist Peter Schüller mit seinem Buch noch nicht gekommen, da ertönt schon der Pausengong. „Aber Herr Schüller, jetzt hatten wir gar keine Zeit mehr für den Stopp-Tanz“ ruft ein Mädchen im lilafarbenen Pulli entrüstet. Wenn die Kinder gut zugehört haben, stellt Peter Schüller am Ende der Stunde zur Belohnung für ein paar Minuten Musik an. Jedes Mal, wenn er auf die Stopptaste drückt, müssen die Kinder still stehen. Wer wackelt, hat verloren. „Tja, das seid ihr heute leider selber schuld“, antwortet der Vorleser mit ungerührter Miene. „Wenn ihr so viel Quatsch macht, kommen wir eben nicht voran.“ Mit leicht enttäuschten Gesichtern stürmen die Kinder aus dem Klassenzimmer.
Doch auch wenn die Vorlesestunde heute eher kurz ausgefallen ist und es den Kindern immer noch schwer fällt, sich zu konzentrieren, sind Peter Schüller und Petra Simon guten Mutes. Zwar gibt es keine Statistiken darüber, inwiefern sich die Lesestunden genau auf die Entwicklung und die schulischen Leistungen der Kinder auswirken. Bei vielen wird aber trotzdem sichtlich die Leselust geweckt. „Bei unseren Vorlesestunden in den Bibliotheken haben wir Sammelkarten. Bei jedem Besuch bekommen die Kinder einen Stempel und wenn sie zehn zusammen haben, bekommen sie ein Buch geschenkt. Da war zum Beispiel ein Mädchen aus Sri Lanka, das hat 100 Stempel gesammelt. Sie ist dann später auch aufs Gymnasium gegangen“, erzählt Simon. Mit einem resoluten Lächeln packt sie das Buch „Vom Fischer und seiner Frau“ zurück in ihre Bücherkiste. Darin warten weitere Klassiker wie die Geschichte von der Maus Frederick oder Fuchs und Maus in der „Pippilothek“ auf aufmerksame Kinderohren. Aber „Zappen“ und ein schneller Programmwechsel wie im Fernsehen sind bei den Lesefüchsen nicht erlaubt. Bis eine neue Geschichte vorgelesen wird, muss die alte erst einmal zu Ende erzählt sein. Auch wenn die Lesefüchse dafür jede Stunde erneut um die Aufmerksamkeit ihrer jungen Zuhörer kämpfen müssen.